Eröffnung der (virtuellen) Literaturwoche Donau 2020
mit Raoul Schrott und einer Geschichte des Windes …

„Wie grausig war da der erste wirkliche Sturm! Es war unbeschreiblich: der Himmel selbst bei Tage dunkel und so nieder, als käme er auf uns herab, der schwere Druck überall die Luft herausstossend, dass es war, als führen wir mit dem Bug an eine Wand, die Arme Gottes unser Heck dagegen schiebend, ein Tohuwabohu wie am Anfang der Schöpfung, als Jahwes Atmen über den Wellen lag.“

Die Gewürzinseln! Für heutige Menschen klingt das wie Poesie. Man glaubt ihren Duft förmlich zu riechen. Raoul Schrott erzählt in „Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal“ mit  eine fast unglaubliche und doch wahre Geschichte: Vor 500 Jahren machte sich der Seefahrer Magellan auf den Weg, um die Welt zu umrunden. Raoul Schrott erzählt diese Geschichte der Erstumsegelung der Welt anhand einer Nebenfigur. Hannes aus Aachen, von dem „die historischen Archive Spaniens nur wenig mehr als den Namen und eine Herkunft festhalten.“ Man weiß von ihm nur, daß er 1519 als Kanonier anheuerte, und zu den wenigen Männern gehörte, die fast drei Jahre später wieder lebendig nach Spanien zurückkehrten. So erklärt sich auch der Titel „Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal.“

„Es sind dies die Jahre kleinerer Sintfluten, die den von der Johannes-Apokalypse prophezeiten Untergang zur Mitte des Jahrhunderts allerorts durch sommers über die Ufer tretende Ströme zu erfüllen scheinen. Dabei überschwemmen sie auch die Äcker von Hannes’ Vater und vernichten jedesmal die gesamte Ernte, sodass dieser sich schließlich gezwungen sieht, den ärmlichen Hof aufzugeben und sich in den unweit Aachens gelegenen Minen zu verdingen, um die Familie über Wasser zu halten.“

Stürme, Schiffbruch, Kannibalen, Skorbut, Mord, Totschlag, Fahnenflucht, Meuterei und mehr: Raoul Schrott erzählt in seinem großformatigen 300 Seiten-Roman von einem Reisenden, der nie weiß, wo genau er sich genau befindet und wie lange die Reise noch dauern mag.

„Dies ist eine Geschichte des Windes. Ich dachte immer, sie müsse von jemand handeln, der bereits all die Namen der Haupt- und Nebenwinde kennt, ihre Richtungen auf jener papiernen Rose, die Seefahrer den ‚Stern des Meeres’ nennen. Doch sie wird nun erzählt werden von einem, welcher noch nichts davon weiß.“

Leser können sich in dem so schön gemachten Buch mit dem auf alte Weise rauh geschnittenen Papier und dem Kupferstich einer Weltkarte aus dem 16. Jahrhundert ebenso verlieren wie Hannes aus Aachen auf hoher See. Zu einem so reichen Roman passt es, dass der Autor sich selbst mit in den Roman eingeschrieben hat. Als Autoren-Ich erzählt er, wie er die Strecke des Magellan nachgereist ist. Dabei will er erfahren haben, dass sein Protagonist Hannes bei der letzten Weltumsegelung Schiffbruch erlitten habe und auf den Osterinseln verschollen ging. Das ist in jedem Fall ein passendes, ein poetisches Ende.

Raoul Schrott hatte ursprünglich mit einem Fotografen eine Bildreportage geplant über Magellans Weltumseglung. Gemeinsam wollte man einige der Stationen der Expedition aufsuchen. Allein, der Fotograf versetzte ihn, als Raoul Schrott bereits in Patagonien in einem Mietwagen unterwegs war.

Raoul Schrott, geboren 1964, erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Peter-Huchel– und den Joseph-Breitbach-Preis. Bei Hanser erschienen zuletzt u.a. Homers Heimat (2008) und seine Übertragung der Ilias (2008). Raoul Schrott stammt aus Tirol und lebt heute im Bregenzerwald. Auch nach seinen jugendlichen Eskapaden blieb er ein Reisender. In Paris war er als Sekretär des Surrealisten Philippe Soupault tätig, in Neapel wirkte er als Lektor für Germanistik.

Copyright: Annette Pohnert / Carl Hanser Verlag 

5 Fragen an …
Raoul Schrott

Herr Schrott, vor genau 500 Jahren, im Herbst 1519, brach Magellans Flotte zu der Fahrt auf, die zur ersten Weltumsegelung wurde. Warum ist die Erinnerung an dieses Ereignis wichtig?

Einerseits, weil mit Magellans Weltumsegelung die Globalisierung und der Welthandel begann – denn die Expedition fand ja nur statt, um an das „ostinidische Gold“ der Nelken und Muskatnüsse auf den Molukken heranzukommen. Andererseits, weil damit die Welt nun wirklich ausgemessen und in Besitz genommen wurde: eine Entdeckung ihrer, die erst vor wenigen Jahrzehnten wirklich abgeschlossen war.

Ihre Geschichte des Windes erzählt von der damalige Zeit aus der Perspektive eines einfachen Kanoniers: des Hannes aus Aachen, der bei gleich drei Weltumsegelungen dabei war. Wer war dieser Mann, wie sind Sie auf ihn gestoßen?

Man weiß nur dank der Buchhalter seinen Namen, seinen Beruf, seine Herkunft und an welchen Expeditionen er teilgenommen hat – ohne jemals dafür auch nur seine Heuer zu erhalten! Umso reizvoller war es, diese Expeditionen einmal nicht aus der Heldenperspektive der hohen Herren zu betrachten, welche die Missionen anführten, sondern all ihre Fährnisse, Irrungen und Wirrungen samt der inneren und äußeren Konflikte von unten her zu schildern: aus dem Blickwinkel eines Simplicissimus. Der wie jener des Grimmelshausen zwar schelmisch ist, aber dabei allmählich klüger wird – wenn auch nicht eremitenhaft weise.

Manchmal denkt man bei Ihrem Roman, man habe wirklich eine Schiffschronik aus vergangener Zeit aufgeschlagen. War das leicht oder schwierig, diesen wilden, eigenen, barocken Erzählton zu finden?

Es war das reinste Vergnügen! Und es tat mir leid, irgendwann dann doch am Ende des Romans angekommen zu sein … Beim Schreiben tauchte die Lust an den pikaresken Romanen ebenso wieder auf, die ich in meiner Jugend gelesen habe – vom Lazarillo de Tormes über Gil Blas bis zu dem von H. C. Artmann wiederentdeckten Johann Beer –, wie die Lust an der Sprache der beschriebenen Epoche, ihren Gestelztheiten und Ungehobeltheiten samt alldem, was der Volksmund damals hervorbrachte an Redensarten. Das alles ging mir irgendwann geradezu von den Lippen …

Ist denn alles wahr, was Sie da schreiben?

Natürlich! Es ist doch immer alles so, wie es im Buche steht.

Und auch historisch dokumentiert?

Nachprüfbar ist jedenfalls die Chronik der Ereignisse, die auf den drei ersten Weltumsegelungen, an denen der Hannes aus Aachen beteiligt war, verzeichnet wurde. Um sie – und auch die Umstände der Zeiten, die Sitten und Gebräuche – wiederzugeben, war schon einiges an Recherche nötig, meist über nicht gerade leicht zugängliche spanische Quellen. Aber auch das macht das Vergnügen des Schreibens aus: Die Geschichte an sich für die Geschichte zu entdecken, die man schreibt. Um ihr auf diese Art treu zu bleiben. Wobei selbst der Schluss des Romans dann wahr ist: Sie können ihn sich auf der Osterinsel von Edmundo Edwards erzählen lassen, wenn sie einmal dorthin kommen sollten.

>>> RAOUL SCHROTT im WDR-Interview zum Nachhören!

 

„In Raoul Schrotts neuestem Roman stürmt und pfeift es durch alle Zeilen. An anderer Stelle kitzelt die Erzählung wie eine sanfte Südseebrise. Ganz besonders ist der Blick des Simplicissimus-Charakters Hannes auf die Weltpolitik, auf deren Mahlstrom er über die Meere segelt: Eine Entmystifizierung der großen Entdecker.“ Sophie Anggawi, Radio Bremen Zwei

Niemand garantiert uns zudem, dass der Hannes aus Aachen gelebt hat. Doch es lohnt sich, seine Geschichte zu lesen.“ Tanya Lieske, Deutschlandfunk, 07.11.19